Im Gespräch mit Eduard Kiener (79), ehemaliger Direktor des Bundesamts für Energie
Erneuerbare Energien
share

Ein Tropfen auf dem heissen Stein 

«Massnahmen für Wasserkraft genügen nicht»

Eduard Kiener, der frühere Direktor des Bundesamts für Energie, ist ein konstruktiver Kritiker der bundesrätlichen Energiestrategie. Den aktuellen Zustand der Energie­politik bezeichnet er sprichwörtlich mit: «Meister, die Arbeit ist fertig, soll ich sie gleich flicken?» Kiener plädiert für eine starke Schweizer Stromproduktion. Das Hoffen auf Stromimporte aus der EU sei keine Strategie, sondern ein riskantes Ausweichen.

Herr Kiener, Sie haben die Energiestrategie des Bundesrats öffentlich kritisiert. Haben Sie Reaktionen aus Bern bekommen? 
Nur wenige, Bundesbern zweifelt nicht an der Energiestrategie 2050, trotz deren offensichtlichen Schwächen.

Insbesondere sehen Sie die Gefahr, dass die Schweiz künftig mit einer Verknappung in der Stromversorgung konfrontiert sein wird. Warum? 
Der Stromverbrauch nimmt tendenziell eher zu, dagegen sinkt die Produktion mit dem Ausstieg aus der Atomenergie. Und es ist ganz klar, dass der Zuwachs bei den Erneuer­baren bei Weitem nicht ausreicht, um in der Schweiz die durch die Kernenergie wegfallenden 25 TWh Stromproduktion rechtzeitig zu ersetzen. Wind und Fotovoltaik produzieren zudem nicht bedarfsgerecht. Es genügt deshalb nicht, Kilowattstunden bereitzustellen. Der Ausbau des gesamten Stromsystems ist notwendig, also im Bereich Netz, Netzregelung und Speicherung. Da passiert viel zu wenig.

Auf Wasserkraft fallen rund 60 Prozent des Schweizer Strommix. Was muss die Politik tun, damit die Wasserkraft auch in Zukunft diesen entscheidenden Beitrag an eine sichere und saubere Stromversorgung liefern kann?
Sie muss die Rahmenbedingungen so setzen, dass die Wasserkraft – das Rückgrat der schweizerischen Stromversorgung – ihre Wirtschaftlichkeit und ihre Investitionsfähigkeit wiedererlangt. Dies ist ein wichtiges Element der kommenden Strommarktordnung. Die Wasserzinsen sind ein Teil des Problems, aktuell wichtiger sind wohl die wegen des verzerrten Strommarkts zu tiefen internationalen Grosshandelspreise. Trotzdem ist ein Ersatz der heutigen starren Wasserzins-Ordnung durch eine zukunftsfähige, marktgerechte Lösung erforderlich. Leider wurde die Revision kürzlich auf die lange Bank geschoben. Die in der Energiestrategie 2050 zu Gunsten der Wasserkraft beschlossenen Hilfsmassnahmen sind nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

Die Energiestrategie 2050 ist im Strombereich im Wesentlichen eine Importstrategie. Eine gefährliche Strategie?
Natürlich laufen wir auf einen Versorgungsengpass zu. Es ist ja schon seit langem so, dass der Stromverbrauch im Winter höher ist als die heimische Produktion. Mit dem Ausstieg aus der Kernenergie wird die Versorgungslücke, die durch Importe gedeckt werden soll, stark ansteigen. Diese erhöhte Auslandabhängigkeit ist gefährlich.

Die Liberalisierung des Schweizer Strommarkts ist eine Bedingung für die gleichberechtigte Anbindung an Strom-Europa.

Eduard Kiener, ehem. Direktor des Bundesamts für Energie

Es gab kürzlich Warnrufe aus Deutschland, dass das Land durch das «Kraftwerkssterben in einen Engpass laufe», das würde bedeuten, dass die Schweiz beim Strom nicht auf den Nachbarn setzen kann, wenn diese selber Bedarf hat?
Das ist so. Im süddeutschen Raum werden bis 2022 weitere Atomkraftwerke ausser Betrieb genommen. Wann die Stromleitungen, die den Windstrom von Nord- nach Süddeutschland transportieren sollen, gebaut sein werden, steht in den Sternen. Deutschland bekommt selber seine Probleme. Erstaunlich ist, dass auch Frankreich, der früher bedeutendste Stromexporteur, heute zeitweise ans Limit kommt. Wir können uns in Zeiten von Stromknappheit nicht auf das Ausland verlassen. Das Hoffen auf Importe, das sich in den Bundesstudien zur Versorgungssicherheit manifestiert, ist keine verantwortbare Strategie.

Sie haben den Bau von Gas-Kombi-Kraftwerken oder Wärme-Kraft-Koppelungsanlagen angeregt. Die Entwicklung scheint indes eher Richtung Dezentralisierung der Stromproduktion zu gehen. Ist das vor diesem Hintergrund sinnvoll? 
Hier geht es nicht um die Frage zentral oder dezentral, sondern darum, ob in der Schweiz auch fossiler Strom produziert werden soll. Ich bin in keiner Weise ein Freund fossiler Stromerzeugung, aber wir müssen die Rea­lität sehen. Statt wie heute Strom aus deutschen oder osteuropäischen Kohlekraftwerken zu importieren, wäre es energetisch und ökologisch weniger schlecht, in der Schweiz solche Anlagen einzusetzen und vermehrt selber zu produzieren. Für das Klima noch besser wäre, wenn die Schweiz weiterhin einen Teil ihres Stroms nuklear erzeugen würde.

Die Stromwelt in der Schweiz hat sich total verändert, wer ist heute für Versorgungssicherheit aus Ihrer Sicht zuständig?
Im Monopol oblag der Versorgungsauftrag den Stromversorgern, in erster Linie den Überlandwerken, und zwar ohne explizite gesetzliche Vorschrift. Bei der Teilliberalisierung 2007 wurde im Stromversorgungsgesetz bloss festgehalten, dass die Verteilnetzbetreiber ihren festen Kunden stets die gewünschte Elektrizität liefern müssen, und dass die nationale Netzgesellschaft Swissgrid für den sicheren Betrieb des Übertragungsnetzes zuständig ist. Der Bundesrat kann bei sich mittel- oder langfristig abzeichnenden Versorgungsschwierigkeiten gewisse Massnahmen ergreifen, die aber in einer Versorgungskrise zu spät kämen und zudem ungenügend sind. Es ist also niemand explizit für die Gewährleistung der Versorgungssicherheit verantwortlich, niemand verpflichtet, die nötigen Stromerzeugungsanlagen zu bauen. 

Gemäss Bundesrat braucht es für extreme Situationen höchstens strategische Reserven. Teilen Sie diesen Optimismus? 
In dieser Form nicht, weil die strategischen Reserven bloss als Ergänzung zur fragwürdigen Importstrategie gesehen werden. Um die sich mit dem Abschalten der Kernkraftwerke weiter öffnende Stromlücke für Krisensituationen ausreichend abzudecken, würde es sehr hohe strategische Reserven erfordern.

Die vollständige Strommarktöffnung ist zurück auf der politischen Agenda, ist es überhaupt realistisch, dass sie je realisiert wird? 
Ich sehe keinen Ausweg, die Liberalisierung muss kommen. Die Energiestrategie 2050 lässt sich allein mit Subventionen und Vorschriften nicht umsetzen; auch Konsumenten und dezentrale Energieerzeuger müssen am Markt teilnehmen können. Es geht auch nicht an, dass weiterhin Haushalte und KMU als gebundene Kunden die ganze Subventionspolitik allein berappen. Die Liberalisierung des Schweizer Strommarkts ist zudem eine Bedingung für die gleichberechtigte Anbindung an Strom-Europa. Irgendwann muss die Einsicht kommen, dass es nicht ohne geht.

Was sind die dringlichsten Schritte, die die Schweiz für eine sichere und saubere Stromversorgung gehen muss, und was sind Ihre Forderungen an die Politik?
Es muss etwas gehen, aber die Luft ist draussen. Die Politik glaubt, mit der Energiestrategie 2050 nach Fukushima ihre Pflicht getan zu haben. Der grosse Mangel an der Energiestrategie im Strombereich ist, dass sie weitgehend auf die Produktion von erneuerbaren Energien fokussiert. Wir müssten also theoretisch 100 Geothermiewerke bauen, wir haben kein einziges. Und wo kommen die rechnerisch nötigen 800 Windkraftwerke hin? Wenn die Energiestrategie erfolgreich sein soll, braucht es einen gewaltigen Ausbau des Gesamtsystems. 

Zur Person

Eduard Kiener (79) leitete bis 2001 das Bundesamt für Energie. In seine Amtszeit fielen zahlreiche, teilweise heftig geführte politische Debatten über Volksinitiativen zur Energie­politik und Kernenergie. Kiener wird als Architekt des Schweizer Energiesystems bezeichnet. Er ist ausgebildeter Maschineningenieur ETH und Doktor der Ökonomie. Heute gilt Kiener als konstruktiver Kritiker der Energiestrategie 2050 des Bundesrates. Kiener ist SP-Mitglied.

Lust auf mehr Energiethemen? Dann abonnieren Sie den Newsletter von Axpo.

An einen Freund senden

Back-to-top