Foto: Swissmem-Präsident Hans Hess.
Energiemarkt
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„Zentral ist für uns eine sichere Stromversorgung, auch im Winter"

Eine sichere Stromversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen ist existenziell. Hans Hess, Präsident von Swissmem, warnt vor einer reinen Importstrategie. Statt in unzuverlässige Energie zu investieren, sollte die Schweiz besser auf ihren Trumpf Wasserkraft setzen.

Swissmem, aber auch GastroSuisse und Scienceindustries sind dezidiert gegen die Energiestrategie 2050. Doch der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse hat Stimmfreigabe beschlossen. Enttäuscht Sie das? Es ist für einen Dachverband nicht einfach, eine konsolidierte Meinung vorzutragen bei so unterschiedlichen Interessen seiner Mitgliedfirmen. Das ist aus meiner Sicht nicht dramatisch. Die einzelnen Verbände – wie wir auch – werden nun selber ihre Argumente gegen die Energiestrategie kundtun.

Warum ist Swissmem gegen die Energiestrategie?

Unsere grosse Sorge gilt der Stromversorgungssicherheit.Die Energiestrategie beantwortet diese zentrale Frage nicht. Wir wissen zwar, dass durch die Abkehr von der Kernenergie 38 Prozent der Stromproduktion schrittweise wegfallen werden, aber es gibt keine befriedigende Lösung, wie wir diese ersetzen wollen. Für die Industrie ist eine sichere Stromversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen aber lebensnotwendig. Die Energiestrategie ist im Wesentlichen einfach eine Importstrategie. Das ist gefährlich.

Gerade im Winter ist die Schweiz bereits heute stark auf Importe angewiesen: Wird die Situation unterschätzt?

Absolut. Selbst wenn der Ausbau an neuen erneuerbaren Energien wie vorgesehen gelingen würde, diese würden auch dann nur einen bescheidenen Anteil ausmachen. Beispiel Deutschland: Dort fallen über das Jahr als Ganzes gerechnet heute 35 Prozent des produzierten Stroms auf die neuen Erneuerbaren. Im Januar ist es aber viel weniger, vielleicht noch 2 Prozent. Es fehlt insbesondere an Sonne. Deutschland greift in solchen Mangellagen einfach auf die alten Kohlekraftwerke zurück. Und wir würden dann diesen Kohlestrom auch importieren? Das kann es doch nicht sein.

Auf unsere heutigen Stromlieferanten Deutschland und Frankreich können wir ab 2020 nicht mehr setzen, weil sie einen Teil der eigenen Kraftwerke abschalten werden müssen und es ihnen an Kapazitäten fehlen wird. Davon geht der Verband Europäischer Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) aus.

Das macht uns grosse Sorgen. Auch der Präsident der Eidgenössischen Elektrizitätskommission, Carlo Schmid, warnt eindringlich vor einer Stromimportstrategie. Auch haben wir kein Stromhandelsabkommen mit der EU. Kurzum, wir legen dem Stimmvolk ein Gesetz vor, welches das Hauptproblem nicht löst: Wie ersetzen wir zuverlässig den Strom, der mit dem Ausstieg aus der Kernenergie wegfällt? 

Swissmem-Präsident Hans Hess.

Hans Hess: „Axpo hat mit ihrem Modell eine wichtige Diskussion lanciert. Ich bedauere, dass wir diese nicht bereits in den letzten fünf Jahren geführt haben."

Böse Zungen behaupten, die Energiestrategie sei keine Strategie, sondern eine Vision?

Wir sind nicht gegen einen neuen Weg, um CO2-Emissionen zu reduzieren oder gegen Energieeffizienz. Ich bin auch ein grüner Unternehmer. Aber es nützt nichts, wenn irgendwelche wilden Gesetze gemacht werden, von denen man heute schon weiss, dass damit die Hälfte der gesetzten Ziele gar nicht erreicht werden kann. Hehre Ziele vorgeben, aber die Leute im Dunkeln lassen, was die Energiedialog April 2017 Fotos: Daniel Werder Energiedialog April 2017 11 Hans Hess: „Axpo hat mit ihrem Modell eine wichtige Diskussion lanciert. Ich bedauere, dass wir diese nicht bereits in den letzten fünf Jahren geführt haben." Folgen sind, ist nicht ehrlich. Es wird ihnen die Katze im Sack verkauft.

Was ist denn Ihr Lösungsvorschlag?

Es gelingt heute noch nicht, Sonnen- und Windenergie in grossem Ausmass saisonal über längere Zeitzu speichern. Die Industrie forscht zwar intensiv in diese Richtung. Wasserstoff- und Methanolspeicher sind nur zwei Beispiele. Noch aber sind wir technisch und wirtschaftlich nicht so weit.

Also zurück auf Feld eins?

Wir müssen eine europäische Lösung zur Sicherung der Stromversorgung finden. Ich baue darauf, dass Europa und namentlich Deutschland zur Überzeugung kommen, dass diese gigantischen Subventionen nichts bringen und nur die Marktkräfte aushebeln. Wir müssen auf schweizerischer und europäischer Ebene über ein Strommarkt-Design nachdenken; das die Versorgung sichert und wirtschaftlich machbar ist.

Axpo schlägt mit ihrem Versorgungs- und Klimamarktmodell, VKMM, eine CO2-Abgabe vor: Eine Stärkung der heimischen CO2-freien Stromproduktion müsste ja im Interesse der Wirtschaft liegen?

Axpo hat mit ihrem Modell eine wichtige Diskussion lanciert. Ich bedauere, dass wir diese nicht bereits in den letzten fünf Jahren geführt haben. Die aktuellen Vorschläge der Stromversorger und auch des BFE verfolgen wir mit Interesse. Zentral ist für uns: eine auch künftig sichere Stromversorgung, und zwar auch im Winter, sowie wirksame Anreize für Investitionen in die sichere Stromversorgung. Die Industrie braucht eine Lösung ohne überbordende Regulierung und übermässige Zusatzkosten, die EU-kompatibel ist.

Das VKMM würde zwar energieintensive Unternehmen belasten, allerdings wäre eine gezielte Entlastung analog der KEV möglich. Das Modell würde aber die Versorgungssicherheit erhöhen. Ein gangbarer Weg?

Wir verstehen, dass eine sichere Versorgung einen Preis hat. Wenn wir zur Überzeugung kommen sollten, dass diese Zusatzabgaben der Versorgungssicherheit dienen, dann würden wir das akzeptieren. Eine gezielte Entlastung energieintensiver Unternehmen wäre aber notwendig, weil sie am stärksten von einem solchen Modell betroffen wären, auch wenn es die gesamte Industrie tangieren würde.

Und falls das Stimmvolk am 21. Mai Nein zur Energiestrategie sagt?

Unabhängig vom Abstimmungsergebnis müssen wir die essenzielle Frage der sicheren Stromversorgung angehen. Die heutige Kostendeckende Einspeisevergütung, die KEV, bringt nichts für die Versorgungssicherheit. Jetzt leisten wir uns nochmals 350 Mio. Franken jährlich für etwas, was der Versorgungssicherheit nichts bringt. Wir müssen dringend eine Lösung finden, die rund ums Jahr für ausreichend Strom sorgt und auch unsere Wasserkraft wieder konkurrenzfähig macht. Wenn wir unseren Trumpf Wasserkraft aus der Hand geben, indem wir in unzuverlässige Energiequellen investieren, machen wir eine grosse Dummheit und schaden unserem Land.

Zur Person

Hans Hess, Jahrgang 1955, ist von Beruf Ingenieur, Manager und Unternehmensberater. Er arbeitete als Entwicklungsingenieur bei der Sulzer AG und war in verschiedenen Funktionen bei der Leica Geosystems tätig, zuletzt als CEO und Delegierter des Verwaltungsrats. Hans Hess ist Inhaber der Unternehmensberatung Hanesco AG. Seit 2010 ist Hans Hess Präsident von Swissmem und Vizepräsident des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse. Seine privaten Leidenschaften gelten neben dem Musizieren dem Reiten.

Swissmem

Swissmem ist der grösste Schweizer Industrieverband und vereint rund 1000 Mitgliedfirmen der schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie sowie verwandter Branchen. Der Verband engagiert sich für einen konkurrenzfähigen Werk- und Denkplatz Schweiz und vertritt die Anliegen der Branchen gegenüber Politik, nationalen und internationalen Organisationen, Arbeitnehmervertretern und der
Öffentlichkeit. Die MEM-Industrie hat rund 320 000 Beschäftigte und exportierte im Jahr 2015 Waren im Wert von 63 Mia. Franken.

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